Ich habe einen Lieblingsbuchstaben.
Ich mag das kleine g mit seinem Tropfennäschen, das versale Q mit seinem erhabenen Schweif, das kursive Minuskel-k, weil es sein Bein so schön streckt. Aber keiner dieser Buchstaben ist so schön wie dieser – das ß. Er ist ein kleines Stück Nationalstolz, typografisch gesehen versteht sich. Er ist betagt, er macht sich rar, er ist eine Eigenheit der deutschen Sprache, er ist ein Exot! Und wie das mit Eigenbrötlern so ist, sie leben unter uns, aber man weiß manchmal nicht so recht mit ihnen umzugehen. So auch mit dem ß. Ein typografischer Eigenbrötler unter all den Buchstaben. Das macht mir nichts, ich trage ihn stolz in meinem Nachnamen und das schon immer. Und ich will, dass das so bleibt. Ein aufgezwungenes Doppel- S reizt mich nicht. Das mag vielleicht einfacher sein, aber irgendwie auch uninteressanter. Diese Stelle hat schon ein eigener Buchstabe inne.
Zugegeben: schwierig wird es außerhalb der deutschen Sprachgrenzen. Der ß-im-Namen-Träger muss sich unterordnen, was bereits im Pass beginnt. Hier werden sämtliche typografische Regeln ignoriert, was bei der Einreise in nicht-deutschsprachige Länder aus dem ß nach kurzem Stirnrunzeln ein versales B macht. Nicht umsonst spricht man im Ausland gerne vom „German-BG“. Aber auch Muttersprachler tun sich mit der Umschreibung „Eszett“ manch¬mal schwer. Erst kürzlich versuchte ich, meinen Nachnamen meinem Vermieter bei der Wohnungsübergabe zu buchstabieren: „Roßa – R-O-ESZETT-A“ – so wie ich es eigentlich schon immer tue. Er schrieb auf das übergabeprotokoll „Rosza“, worauf ich ihn korrigierte und auf das „Scharfe S“ verwies, Ergebnis: „Roßza“. Ich bin gespannt, ob eine Kontaktaufnahme zwecks Rückzahlung der Kaution zustande kommt.
Und da zeigt sich das Image-Problem dieses (im wahrsten Wortsinne) kleinen Buchstabens: er taucht nicht im Alphabet auf, er hat in deutschen Texten nur eine Häufigkeit von 0,31%, er konnte bisher nicht versal gesetzt werden, er ist durch die Rechtschreibreform fast ausgestorben und kann sich international gar nicht behaupten – sprich: der Buchstabe bereitet Umstände.
Man darf vielleicht von „Nicht-Typografen“ nicht allzu viel Begeisterung für einen einzelnen Buchstaben erwarten. Aber ein so stolzer, erhabener Buchstabe mit einer solch anmutigen Erscheinung darf doch nicht eliminiert werden! Nicht durch die xte Rechtschreibreform und erst recht nicht durch die Medien. Nein, das ß lebt. Nach wie vor.
Ich gestehe an dieser Stelle eine kleine ß/ss-Schwäche, erworben durch mehrere Auslandsaufenthalte ohne ß auf der Tastatur. Dieser habe ich den Kampf angesagt. Und ich würde mich freuen, wenn andere es mir gleich tun würden. Denn er ist ein beachtlicher Buchstabe!
Und er soll es bleiben.