Eine scharfe Type

Scharf sehen (Drüber rollen)

Für manche ist es der Prügelknabe der deutschen Orthografie, für andere ein Schandfleck der Typografie, für mich ist es ein Prachtstück und der schönste Buchstabe überhaupt – das Eszett.

Und so habe ich ihm meine Diplomarbeit gewidmet und versucht ihn jenseits von Rechtschreibreform und Versal-Eszett-Diskussionen in ein besseres Licht zu rücken. Entstanden ist ein Buch über „Eine scharfe Type.“

„Im Prinzip ist das wie Eszett für Dummies.
Nur schicker.“
Jürgen Siebert, Fontblog
  • Idee

    Es gibt eine Frage, die ich während meines Diploms sehr häufig gehört habe: Kann man über einen einzigen Buchstaben ein ganzes Buch machen?
    Ja, man kann. Dafür bedarf es eines Themas, zu dem ein besonderer persönlicher Bezug besteht und für das man sich im Idealfall auch noch selbst interessiert. Und so habe ich mich für meine Diplomarbeit im Fach Kommunikationsdesign eines Themas angenommen, das mich schon mein Leben lang begleitet.

    Ich trage einen seltenen Buchstaben im Nachnamen: Das ß. Und das macht Ärger. Denn obwohl ich diesen besonderen Buchstabe liebe und nicht müde werde ihn zu verwenden wann immer er berechtigt ist, geht das leider längst nicht allen so. Meine Aufgabenstellung war daher: Was kann man tun, um das zu ändern? Ganz einfach – man erklärt ihn, man untersucht ihn, man begründet ihn. Und man macht ihn sympathisch.

    Das fängt beim Titel an. Welchen Namen bekommt das Kind, wo es doch schon so viele Namen hat? Eszett ist zwar sehr geläufig, ebenso oft wird er aber auch schlicht als „scharfes S“ bezeichnet. Ein scharfer Buchstabe also. Ein Sonderling. Eine komische Type. Ezsett – Eine scharfe Type!

  • Prolog (Leseprobe)

    Ich habe einen Lieblingsbuchstaben.

    Ich mag das kleine g mit seinem Tropfennäschen, das versale Q mit seinem erhabenen Schweif, das kursive Minuskel-k, weil es sein Bein so schön streckt. Aber keiner dieser Buchstaben ist so schön wie dieser – das ß. Er ist ein kleines Stück Nationalstolz, typografisch gesehen versteht sich. Er ist betagt, er macht sich rar, er ist eine Eigenheit der deutschen Sprache, er ist ein Exot! Und wie das mit Eigenbrötlern so ist, sie leben unter uns, aber man weiß manchmal nicht so recht mit ihnen umzugehen. So auch mit dem ß. Ein typografischer Eigenbrötler unter all den Buchstaben. Das macht mir nichts, ich trage ihn stolz in meinem Nachnamen und das schon immer. Und ich will, dass das so bleibt. Ein aufgezwungenes Doppel- S reizt mich nicht. Das mag vielleicht einfacher sein, aber irgendwie auch uninteressanter. Diese Stelle hat schon ein eigener Buchstabe inne.

    Zugegeben: schwierig wird es außerhalb der deutschen Sprachgrenzen. Der ß-im-Namen-Träger muss sich unterordnen, was bereits im Pass beginnt. Hier werden sämtliche typografische Regeln ignoriert, was bei der Einreise in nicht-deutschsprachige Länder aus dem ß nach kurzem Stirnrunzeln ein versales B macht. Nicht umsonst spricht man im Ausland gerne vom „German-BG“. Aber auch Muttersprachler tun sich mit der Umschreibung „Eszett“ manch¬mal schwer. Erst kürzlich versuchte ich, meinen Nachnamen meinem Vermieter bei der Wohnungsübergabe zu buchstabieren: „Roßa – R-O-ESZETT-A“ – so wie ich es eigentlich schon immer tue. Er schrieb auf das übergabeprotokoll „Rosza“, worauf ich ihn korrigierte und auf das „Scharfe S“ verwies, Ergebnis: „Roßza“. Ich bin gespannt, ob eine Kontaktaufnahme zwecks Rückzahlung der Kaution zustande kommt.

    Und da zeigt sich das Image-Problem dieses (im wahrsten Wortsinne) kleinen Buchstabens: er taucht nicht im Alphabet auf, er hat in deutschen Texten nur eine Häufigkeit von 0,31%, er konnte bisher nicht versal gesetzt werden, er ist durch die Rechtschreibreform fast ausgestorben und kann sich international gar nicht behaupten – sprich: der Buchstabe bereitet Umstände.

    Man darf vielleicht von „Nicht-Typografen“ nicht allzu viel Begeisterung für einen einzelnen Buchstaben erwarten. Aber ein so stolzer, erhabener Buchstabe mit einer solch anmutigen Erscheinung darf doch nicht eliminiert werden! Nicht durch die xte Rechtschreibreform und erst recht nicht durch die Medien. Nein, das ß lebt. Nach wie vor.

    Ich gestehe an dieser Stelle eine kleine ß/ss-Schwäche, erworben durch mehrere Auslandsaufenthalte ohne ß auf der Tastatur. Dieser habe ich den Kampf angesagt. Und ich würde mich freuen, wenn andere es mir gleich tun würden. Denn er ist ein beachtlicher Buchstabe!
    Und er soll es bleiben.

  • Inhalt
    • 1. Prolog — über einen besonderen Buchstaben (siehe Leseprobe)
    • 2. Ein Buchstabe als Problemfall — Warum ein einziger Buchstabe so viel Ärger machen kann
    • 3. (E)s zischt beim Sprechen — über die Phonetik der S-Laute
    • 4. Das ß und die Rechtschreibung — über den richtigen Umgang mit einem irgendwie immer falschen Buchstaben
    • 5. Gemischtes Dreierlei — über die Herkunft des ß
    • 6. Ein anatomisch korrekter Buchstabe — über die Form des ß
    • 7. Versal-ß — Ein kleiner Buchstabe kommt groß raus
    • 8. Von Bussen und Buben — Das ß im globalen Kontext
    • 9. Für mehr Schärfe — Ein Ausblick
  • Entstehungsprozess

    Wie nähert man sich einem Buchstaben an? Kann ein einzelner Buchstabe eine Geschichte erzählen? Kann er vielleicht sogar Bestandteil einer Geschichte sein, durch Personifizierung desselben? Gelitten hat das Eszett schließlich wirklich genug, das bietet sicher reichlich Stoff für eine Geschichte: Die Leiden des jungen (alten) Eszett.

    So waren meine ersten Gedanken zum Thema, aber sie stellten sich als der Sache nicht angemessen heraus. Schließlich wollte ich kein Kinderbuch machen, das „Problem ß“ sollte ernst genommen werden und dazu braucht es mehr als ein paar niedliche Buchstaben.

    Vielleicht betrachtet man den Buchstaben als eine Marke? Ein „Branding“ fürs Eszett mit einer Bildmarke als Kern eines Corporate Designs? Kann man einen Buchstaben branden? Ganz so abwegig war das nicht, zumindest eine Bildmarke, die den Buchstaben zu einer abstrakten Form fügt, ließ sich einfach umsetzen, aber dann?

    Und so wuchs die Idee, ein Buch über das Eszett zu schreiben. Ein Sammelsurium über Kuriositäten und Wissenswertes, eingebettet in eine Kampagne FÜR das Eszett.

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      Heraushebung sprachlicher Eigenheiten, hier am Bespiel des "Berliner Z"

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      Personifizierung eines Buchstabens in Geschichtenform?

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      Eine eigene Bildmarke für das Eszett?

  • Typografie
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    Ein Buch über Typografie stellt natürlich besondere Anforderungen an eben jene. Mir war es wichtig, dass die Schrift modern und zeitlos ist, sehr elegant und trotzdem prägnant. Außerdem musste sie sehr gut ausgebaut sein, Ligaturen sind selbstverständlich, ein langes ſ war unumgänglich, es brauchte außerdem ein z mit Unterschlinge und das heiß-diskutierte Versal-Eszett war dringend notwendig.
    Und da kommt man dann doch an Grenzen.

    Ich habe mich für die wunderbar umfangreiche Graublau Sans von Georg Seifert entschieden, die alle Anforderungen bis auf das fehlende z mit Unterschlinge erfüllte. Georg war aber so lieb, mir ein eigenes z zu zeichnen und damit waren alle Anforderungen an die Satzschrift erfüllt.

    Meine persönlichen Lieblings-Eszett-Formen aus allen Schriftarten tauchen bezugnehmend zur jeweiligen Seitengestaltung auf jeder Buchseite auf und werden zusätzlich auf einem Plakat, dass dem Buch beiliegt, abgebildet.

  • Farbkonzept
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    Um eine geeignete Farbigkeit für das Projekt zu finden, war es zunächst nötig bestimmte Begriffsassoziationen für das Eszett zu finden: national, deutsch, traditionell, anmutig, edel, ästhetisch, antiquiert. Und diesen Begriffen wurden passende Farben zugeordnet: Warmgrau für antiquiert und traditionell, Magentarot für schön und ästhetisch, Goldgelbbronze für alt, edel und anmutig. Die Nähe zu den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold ist dabei nicht ganz zufällig, denn schließlich ist das Eszett der deutscheste aller Buchstaben.

  • Kampagne
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    Das bereits erwähnte Buch ist Kern einer Kampagne Für ein ß. Es sollte aufklären und informieren in unterhaltsamen Stil – nicht oberlehrerhaft und nicht belehrend. Das Wissen um die Geschichte und Formenvielfalt des Buchstabens steht hier im Vordergrund, eine Sprach- und nicht nur Typointeressierte Zielgruppe sollte damit angesprochen werden, denn das ist mir während meiner Recherchen deutlich aufgefallen: Das Interesse an diesem Buchstaben ist groß, egal ob er geliebt oder gehasst wird. Aber nicht jeder hat Muße und Zugang zu typografischen Fachartikeln. Und so tut das Buch genau das: Es unterhält und informiert. Unterstrichen sind die Informationen mit Zitaten und Geschichten persönlich „Betroffener“ und bekannten Typografen wie Erik Spiekermann, Hubert Jocham, Dan Reynolds, Ralf Herrman, Raban Ruddigkeit und viele mehr.

    Nachdem sich der Leser mit Hintergrundinformationen vertraut gemacht hat, findet er im grauen Buchschuber, der nur das ß als Titel zeigt, ein weiteres Buch „Viele scharfe Worte“. Dort sind nach neuer Rechtschreibung alle deutschen Wörter aufgelistet, die ein ß enthalten.

    Ein Gestaltungselement im Buch sind neben Farbe und Typografie Sprechblasen, die kleine „Dialoge“ wiedergeben. Diese Sprechblasen erweitern die Kampagne über das Buch hinaus, denn sie sind auch Bestandteil einer Aktion. Auf Aufklebern in Sprechblasenform sind Sprüche abgebildet wie

    • „Aufs Schärfste korrigieren.“
    • „Für mehr Schärfe!“
    • „S geht schärfer.“
    • „Buchstäblich scharf“
    • „Manche mögen S scharf.“

    Diese Aufkleber dienen dazu weit verbreitete ß-Fehler zu korrigieren, immer dann wenn ss da steht wo ß stehen sollte.

über die Autorin

Die Autorin ist im positiven Sinne „Eszett“-geschädigt: Sie trägt es im Nachnamen und liebt es. Und sie möchte, dass andere das auch tun. Deswegen hat sie ein Buch darüber geschrieben, indem sie Ihre und andere Erfahrungen mit dem Buchstaben erzählt. Sie findet es scharf, eine scharfe Type eben.

Nadine Roßa hat an der HTW Berlin Kommunikationsdesign studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Mehr über sie: www.nadine-roßa.de

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Verlag gesucht!


Bisher gibt es das Buch genau zweimal. Aber das muss ja nicht so bleiben. Wenn Sie Verleger sind und Interesse am Buch haben, kontaktieren Sie mich einfach.

Ich freue mich!